Die Herren der Ringe

Die Herren der Ringe

25.000 Thüringer Brieftauben fliegen wieder um die Wette. „Ich könnte nicht ohne Tauben“, sagt der Landeschef der Züchter, René Gerlach. Aber es gibt Probleme.

  1. Mai 2018 / 05:26 Uhr

Tauben auf dem Dach. Foto: Frank Schauka

Nach einer Weile rutscht es ihm doch raus. „Ich bin eigentlich brieftaubenfanatisch“, sagt Jürgen Beier. Man hat es fast geahnt. Fast 400 Preispokale können schlecht lügen. Vitrinen, Schränke, Fensterbänke – alle voll davon. Und an den Wänden, neben einer Pendeluhr, verziert mit Tauben, hängen dicht an dicht, gerahmt unter Glas: Urkunden, Urkunden, Urkunden. Mit…? Jawohl!

Bis die Krankheit zuschlug, war Jürgen Beier erfolgreicher Bauunternehmer. Jetzt ist er – zu sagen „nur noch“, wäre falsch: Brieftaubenzüchter, Brieftaubensportler, um genau zu sein. „Einer der ganz Großen im Osten Deutschlands“, wie ein Fachblatt schrieb. Wahrscheinlich gibt es in Thüringen keinen mit mehr Pokalen als Jürgen Beier, Thüringenmeister 2005.

Er geht ein paar Schritte, steht jetzt im Freien an der Pforte zwischen Garten und Feld. Beier atmet durch, zeigt auf den Wald. „Irgendwo dahinten sitzt das Sperberweibchen. Vor ein paar Tagen hat sie eine Taube gefressen, die voriges Jahr acht Preise geholt hat.“ Es kommt vor, dass Beier sieht, wie sich der Sperber eine Taube packt, zu Boden drückt, um sie zu hacken. Beier schreit dann auf, spurtet aufs Feld, den Räuber zu scheuchen. Manchmal ist er schnell genug, die blutende Taube zu retten. Aber so viel Glück ist selten. „In diesem Jahr habe ich schon acht Vögel verloren.“

Dabei hat die Rennsaison gerade erst begonnen, heute startet das dritte Rennen in Homberg/Efze, 120 Kilometer weit weg. Von April bis Ende Juli legen ThüringensBrieftauben in 13 Wettrennen circa 4500 Kilometer zurück. Bis zu 25 000 Tauben sind dann samstags unterwegs, auf die Reise geschickt von 604 erwachsenen und 36 jugendlichen Thüringer Züchtern. Der längste Brieftaubenflug startet in Frankreich, mehr als 600 Kilometer entfernt. Die schnellsten Tauben brauchen dafür keine fünf Stunden. „120 km/h im Schnitt, das schaffen Sie im Auto nicht“, sagt René Gerlach aus Herrmannsacker am Südrand des Harz‘.

Gerlach ist Landesvorsitzender aller Thüringer Brieftaubenzüchter aus dem Regionalverband 501. „Ich könnte nicht ohne Tauben, muss ich ehrlich sagen“, sagt Gerlach. Seine Augen leuchten.

„Wie? Was mich am Brieftaubensport so fasziniert?“ Gerlach verharrt. „Das weiß ich auch nicht so richtig. Wenn die Tauben kommen, das ist eigentlich der Reiz. Die kommen aus einer unwahrscheinlichen Höhe.“

„Man guckt immer in die Luft, wenn man die Tauben erwartet“, schwärmt Sportfreund Beier. „Plötzlich sieht man zehn, zwölf Tauben anfliegen. Ach! denkt man. Wenn das alle meine sind. Und dann sieht man, wie eine plötzlich ausschert. Die fliegt in den Schlag, die andern ziehen weiter. Wahnsinn! Die anderen wissen genau, sie gehören nicht hierher.“ Bewegend sei auch der Start. Wenn Hunderte Boxen zeitgleich sich öffnen, Tausende Tauben aufstreben, kreisend sich ordnen und aus der Höhe dann in eine Richtung stoßen!

Es reicht nicht aus, um Preise zu erzielen, nur die schnellsten Vögel zu besitzen. „Ich muss vorher genau sagen, das sind meine acht Tauben, die als erste reinkommen. Wenn andere von mir schneller sind, hab ich Pech gehabt“, sagt Landeschef Gerlach. Vorbenennen heißt das Gemisch aus Kennerschaft und Glück. „Das ist echter Nervenkitzel.“ Wie beim Derby in Ascot, was auch den Spitznamen der Brieftaube erklären mag: Rennpferd des kleinen Mannes.

Klein? Asiaten, Chinesen voran, zahlen mittlerweile Spitzenpreise für Tauben aus Europa: 300 000 Euro und mehr. Auch Thüringer Vögel hätten schon für 15 000 Euro den Besitzer gewechselt, heißt es. Aber bei dem Thema wird es schnell still.

„Bei solchen Preisen würde wohl jeder Züchter schwach“, sagt Beier. In der Welt des großen Mannes heißen Überfliegertauben „Usain Bolt“ oder so, wie der Supersprinter aus Jamaika. In Thüringen heißen Spitzentauben „Nummer 520“ oder so. „Meine Nummer 65 aus dem Jahrgang 2002 war mal der beste Vogel in Deutschland. Der hatte 86 Preise Lebensleistung“, sagt René Gerlach. „Der ist jetzt 16 Jahre und genießt sein Rentendasein. Den habe ich nicht verkauft, obwohl ich ein Angebot hatte.“ Gerlachlacht, aus seinen Händen guckt Nummer 65.

Seit zehn Minuten schwirrt ein Schwarm aus Beiers Schlag kreisend über Vieselbach. Als Greifvogel Nummer eins wie ein Strich am Firmament erschien, fiel das kaum auf. Aber nun sind es fünf, und nah sind sie. „Gabelweihen, Bussarde“, sagt Beier. „Keine Gefahr. Sperber und Wanderfalken, die sind gefährlich.“ In einzelnen Horsten fand man Hunderte Brieftaubenringe, jedes Opfer ließ sich einem Schlag zuordnen, einem Züchter, einem Herrn der Ringe, die jeder jungen Taube übers Bein gezogen wird. Dass in den drei Monaten der Rennsaison 15 bis 20 Prozent der Brieftauben verschwinden, ist normal. Verluste von 30 Prozent kommen seltener vor, allenfalls bei Schlägen nah am Wald, der Sperber wegen.

„Die Greifvögel finden nicht mehr genug Nahrung und spezialisieren sich auf Tauben“, sagt Beier. Das ist ein grundlegendes Problem. Einzelne Greifvögel zu töten käme Züchtern wie Beier und Gerlach nicht in den Sinn. „Das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

René Gerlach war sieben, Jürgen Beier zehn, als ihr Herz für Tauben zu hüpfen anhob. Das war kein Zufall. „Mein Vater war führend in der Zucht von orientalischen Rollern in Gelb“, sagt Beier. Das ist eine Taubensorte. „Sie fliegen hoch in die Luft, wenn sie eine bestimmte Höhe erreicht haben, lassen sie sich zu Boden purzeln.“

Das hatte gewiss seinen Reiz, aber… „Ich finde es faszinierend, dass die Brieftaube, wenn sie irgendwo ausgesetzt wird, den Weg zurückfindet“, sagt Beier. „Bis heute ist das nicht richtig erforscht.“

Wie man ihr Tempo steigert – um etwa eine Stunde auf große Distanz –, weiß man aber wohl: mit Liebe und was sonst Gutes durch den Magen geht. „Brieftauben werden ernährt wie Spitzensportler“, sagt Verbandschef Gerlach. „Die kriegen Aufbaupräparate mit Eiweiß, Calcium und Eisen, das volle Programm. Und wenn die Tauben nach einem Flug nach Hause kommen, kriegen sie Tee, Elektrolyte und so weiter. Nur mit Futter und Wasser ist kein Blumentopf zu gewinnen.“

Auch hat man herausgefunden, dass Sehnsucht Tauben Beine macht. Witwerschaft heißt das Anschubsystem. „Wenn man die Witwerschaft nicht macht, hat man keine Chance, Erster zu werden“, sagt Pokalrekordler Beier.

Witwerschaft klingt schlimmer, als es ist. Keiner stirbt, es geht nur um den Tod in klein: Männchen und Weibchen werden die gesamte Trainingswoche strikt getrennt. „Aber kurz bevor ich die Tauben zur Einsatzstelle bringe, lasse ich sie zusammen in den Schlag. Sie glauben nicht, was da drin los ist“, sagt Beier. „Die Vögel ruchsen, die locken das Weibchen in die Zelle und schmusen.“ Nach einer halben Stunde ist Schluss. Sie werden getrennt in Körbe gesetzt und in einem Lkw zum Auflassort gefahren, wo das Rennen samstags startet. „Sie glauben gar nicht, wie die Freude auf ein Wiedersehen die Motivation erhöht, schnell heimzukommen.“

Was die Witwerschaft für Tauben ist, war für Züchter die Wende. Was lange getrennt war, kam kurz zusammen, dann ging‘s los.

„Vor der Wende haben wir versucht, Taubeneier von West nach Ost zu schmuggeln, weil wir dachten, die drüben hätten die besseren Brieftauben“, erzählt Jürgen Beier. Man kannte die Story der US-Army-Brieftaube G.I. Joe, die im Zweiten Weltkrieg Militärbotschaften überbrachte und so Tausenden Soldaten und Zivilisten das Leben rettete. Man kannte, hörensagenderweise, auch Wilhelm Seidelmann aus Essen, Kohlenhändler von Beruf, aus Berufung Taubenzüchter. „Der absolute Top-Mann“, sagt Jürgen Beier. „Ich hatte schon zu DDR-Zeiten in geschmuggelten Zeitungen über ihn gelesen.“

Der Fall der Mauer war auch für das Taubentum ein Glück. „Eine Woche nach der Wende bin ich zu Wilhelm Seidelmann gefahren“, erzählt Beier, „aufs Geradewohl.“ Seidelmann, angetan, gab Beier hundert Mark: „Gehen Sie mal schön essen.“ Was Beier natürlich nicht tat, weil, wie jeder weiß, Brieftaubenzüchter lieber entbehren, als dass ihren Vögeln etwas entgeht.

Wegweisender als Seidelmanns Kohle waren seine Vögel. „Die habe ich in meinen Zuchtstall getan und weitere Junge aufgezogen. Die Brieftauben von Wilhelm Seidelmann waren absolute Spitze. Die haben alles abgeräumt. Ich hatte die größten Erfolge dadurch.“

René Gerlach, Chef des Regionalverbands 501 Thüringen, steht hinterm Haus, sein Blick schweift ab vom Schwarm zu den Dächern des Dorfes. „Wir sind noch drei Brieftaubenzüchter hier in Herrmannsacker. Da vorne der ist 83, der andere ist 52, ich bin 49.“ In Niedersachswerfen, einen Taubeneiwurf entfernt, wo „früher sehr viele Taubenzüchter“ waren, schwinden ebenfalls die Kräfte. „So wie es jetzt ist, bleibt es auch nicht mehr lange“, befürchtet Gerlach. „Es sind schon viele Züchter in einem Alter, dass sie bald aufhören. Und es sind viele alte dabei.“ Aber Hoffnung bleibt. „Unsere jüngste Züchterin, die Annemarie, ist sieben Jahre alt. Ein anderer ist 15. Wir helfen ihnen, wo wir können. Wir schenken ihnen Tauben und fahren ihre Tauben kostenlos zur Auflassstelle.“ Brieftaubenzüchter haben es nicht leicht. „Ich kenne keinen, wo die Frau nicht rumnölt“, sagt René Gerlach. „Ich sage dann zu ihr: Manche gehen am Wochenende in die Kneipe. Du weißt immer, wo ich bin.“ Beier sagt denselben Satz, als gäbe es ein Notfallbuch mit Rettungssprüchen. Auch BeiersAntwort auf die Frage nach den Kosten seines Hobbys könnte darin stehen: „Meiner Frau zuliebe habe ich das nicht ausgerechnet.“

Ihre Liebe hält seit mehr als 30 Jahren, schon Beiers Hochzeit ruchste unter einem guten Stern. „Da war Brieftaubenflug“, sagt er. „Wenn eine Taube kam, musste ich jedes Mal schnell nach hinten zum Schlag laufen.“

„Ob ich einen kenne, der mit Tauben aufgehört hat, weil die Frau rumgenölt hat?

René Gerlach, Thüringens oberster Brieftaubenzüchter, stutzt. Er grübelt, er zögert, er guckt.

„Nein, kenne ich nicht.“ Die Schulter zuckt, die Augen lachen.

Frank Schauka / 05.05.18

Dieser Beitrag wurde unter Top-News veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.